Gestatten: „Graureiher“
DOPO-Naturfreund Jochen Roß lässt im 2. Teil seiner „Flora und Fauna in Langendreer“-Serie den Graureiher sprechen. Liebe Leserinnen und Leser der Dorfpostille! Erkennt ihr mich? Ich bin fast so groß wie ein Storch. Mein langer Schnabel ist scharf wie ein Dolch. Hals und Beine sind ebenfalls sehr lang. Im Flug krümme ich den Hals wie ein S zusammen. Viele sagen, ich sei ein sehr eleganter Großvogel. Wohl wegen meines schlanken Körpers und meines ruhigen Gleitfluges, vielleicht auch wegen der wirklich schicken Schmuckfedern am Hinterkopf. Die überwiegend graue Farbe bestimmt meinen Namen. Kennt ihr mich jetzt? Ich heiße Graureiher. Auf der Insel im Ümminger See bin ich geschlüpft! Auf Feldern und Wiesen könnt ihr mich bei der Jagd entdecken: Stundenlang warte ich bewegungslos und hoch konzentriert auf Beute, und plötzlich schnappe ich blitzschnell zu. Am liebsten mag ich Mäuse, Fische, Insekten, Schnecken, Würmer und – leider bei euch sehr selten - Frösche. In jedem Frühjahr könnt ihr mich einmalig gut in meiner Brutkolonie in Bochum-Werne beobachten! Eigentlich bin ich ja immer ein Einzelgänger, das ist bei der lautlosen Jagd erfolgreicher. Aber zum Kinderkriegen treffen wir uns auf Bäumen in einer möglichst großen Gemeinschaft. Schon im Januar beginne ich den Nestbau mit meiner jeweils neuen Saisonpartnerin auf der kleinen Insel im Ümminger See, dem ehemaligen Gelände der Zeche Mansfeld. Dort war auch mein Geburtsort! Mit einem Fernrohr könnt ihr im März und April vom Uferweg aus die gemeinsame Aufzucht unserer Jungen miterleben, bevor das Laub der Bäume euch später die Sicht versperrt. Mich stört es nicht, dass auch ein paar Kormorane und Kanadagänse auf der Insel brüten. Vielleicht habt ihr einmal beobachten können, wie kräftig die Kinder mich stets am Schnabel ziehen, um mehr Futter zu ergattern. Die Fische zum Füttern fange ich übrigens nicht im Ümminger See, sondern im Umkreis von vielen Kilometern. Wege von 30 km sind mir nicht zu weit! Tatsächlich brauchen meine Jungen viel Fischnahrung. Am bequemsten sind für mich ja eure verführerischen Angebote in den Fischzucht-Teichen. Aber da sind so oft aufgeregte Menschen, die mich beschimpfen und verscheuchen. Warum wohl? In den ruhigen Monaten außerhalb der Brutzeit lebe ich hauptsächlich von Mäusen. Dann könnt ihr mich auch gut auf Feldern beobachten. Insgesamt fresse ich sogar überwiegend Mäuse. Um euch das zu beweisen, habe ich für die Dorfpostille extra ein Foto mit einer leckeren Maus im Schnabel herausgesucht! Früher nannten mich die Menschen Fischreiher. Das sollte so viel wie „Fischräuber“ heißen und stammt noch aus der Zeit, als ihr Menschen Sorge vor dem Hungern hattet. Das war eine schlimme Zeit! Meine Urgroßeltern erlebten es noch, dass wir gejagt, vergiftet, in Fallen gefangen und erschlagen wurden, bis es schließlich, in den 1950er Jahren, gar keine Graureiher in eurer Umgebung mehr gab. Der neue Name Graureiher sollte dann die lange Feindschaft beenden und euch daran erinnern, dass wir Reiher auch zur Schöpfung und zu eurer Umwelt dazu gehören. Wir wurden gesetzlich geschützt, und seit etwa 20 Jahren wohnen wir wieder in eurer Nähe. Im Kaiserreich hießen wir einfach Reiher. Weitgehend vergessen sind heute Gott sei dank die schlimmen Reiherverfolgungen vor mehr als 100 Jahren, nur wegen der Damenmode. Damals mussten eure Damen immer einen Hut auf dem Kopf tragen, und „vornehme“ Damen wollten unbedingt eine Reiherfeder auf ihrem Hut haben. Das war „in“. Nur um die Reiherfedern vom Hinterkopf meiner armen Ahnen zu ziehen, wurden damals Millionen Reiher elend getötet. Aus Protest dagegen entstanden übrigens im 19. Jahrhundert die ersten Naturschutzvereine in Deutschland. Schön, dass wir jetzt friedlich nebeneinander leben! Ich selbst habe euch in meinem langen Leben nur als gute Nachbarn kennen gelernt. Ihr wisst vielleicht, dass wir Graureiher mehr als 30 Jahre alt werden können? Natürlich halten wir auf unserer Mäusejagd vorsichtshalber einen Sicherheitsabstand zu euch ein. Beobachtet mich doch im Frühling einmal auf meiner Brutinsel! Und wenn ihr mich auf der Mäusejagd genauer betrachten wollt, dann nehmt doch bei eurem Fahrradausflug ein Fernglas mit! Achtet auf meine große, sehr schlanke Gestalt und freut euch über meinen majestätischen Flug! Ich bin gespannt, euch kennen zu lernen. Euer Ümminger Graureiher JR
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