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Fußball im Ruhrgebiet - zwei Stellungnahmen

Willi Wachsam:
Geh mir weg mit Fußball-Fan-atismus!

Ich  war dabei – als fußballbegeisterter Ruhri aus Bochum beim Meister in Dortmund zur Meisterfeier. Und das war gut so! Hätten die Blauen von S04 den Titel geholt, hätte ich auch mitgefeiert. Und wenn der VFL dereinst…, dann feier ich natürlich besonders gerne mit.
Mit dieser Einstellung stoße ich bei manchem Fan auf Unverständnis, weil es nicht wenig Fan-atiker gibt, die weniger Ruhri als Borusse, Schalker oder Bochumer sind.
Etlichen von denen bin ich auch in Dortmund begegnet und es hat mir viel Spaß an der Meisterfreude geraubt. Meist ordentlich angesoffen, gröhlend, mit T-Shirt-Aufschriften wie „ Ein Gefühl, tiefer als Hass: Fuck S04“ rumpelten diese Zeitgenossen meist im Pulk über die stillgelegte B1, durch die Dortmunder Innenstadt und in den S- und U-Bahn-Waggons. Ausgetrunkene Plastikbecher wurden in die Gegend geschleudert, man pisste mal so im Vorübergehen in den nächsten Vorgarten und schrie dabei unaufhörlich irgendwelche schwachsinnigen Slogans, wie „Ewig BVB“ oder „Borussiiaaa“.
Wohlgemerkt: Das diente nicht der Unterstützung der flotten Dortmunder Fußballtruppe, die sich wohl jedem Freund des Balls in der vergangenen Saison ins Herz gespielt hatte. Nein, das diente nur der rücksichtslosen Befriedigung eigener Bedürfnisse, die mit dem Fußballspiel nichts zu tun hatten.Fussball
Und das ist der Punkt: Warum zieht diese herrliche Sportart solch ein Gesochs an? Oder anders: Warum produziert diese herrliche Sportart solch gesochshaftes Verhalten?
Oder liegt das vielleicht gar nicht am Fußball, sondern an den Bedingungen, die dieser Sportart in den letzten Jahrzehnten zugewachsen sind?
Da werden für Millionen Euro riesige Arenen gebaut, alle Fernsehsender sind scharf auf Übertragungen und liefern entsprechend lange Sendezeiten. Da werden von speziellen Sendern alberne 3D-Analysen von Spielzügen wortreich im geschwurbelten Fußballdeutsch von „Experten“ geliefert und selbst die WAZ liefert 12 Sonderseiten und eine Extrabeilage für den Deutschen Fußballmeister – genauso wie für die englischen Schlosskinder Kate und Willam. Da verkaufen die Fußballvereine Bettwsche in Vereinsfarben, Schlüsselanhänger, Tassen, Schmuck, Schals und und und an ihre Fans, die als 12. Mann der Vereinsmannschaft  gehätschelt und durch die Stadionsprecher  zu oft merkwürdigen Verhaltenweisen aufgefordert werden.
Und da streichen Leute in Dortmund ihr Haus schwarz-gelb an, hängen ihre Fenster mit Fahnen zu und singen nur noch tumbe Fußballgesänge, wie z.B. den neuen „Hit“ der Bochumer von Uwe Fellensiek „Ein ganzes Leben für dich“ – für einen Fußballverein!!! So werden Menschen verändert , so wird man be“geistert“ – und manche lassen dann leider den Geist aus der Flasche.
Das alles ist aber nicht Ausdruck von Begeisterung für den Fußballsport, sondern für Vereine, die Kohle  wollen, damit sie Geld haben für Spieler, die möglichst viel Kohle verdienen wollen. Manche verlieren dabei den Überblick, gehen pleite oder verlieren ihre Lizenz für den Spielbetrieb.
Und die „Fans“? Viele von denen, die ich oben geschildert habe, verlieren ihre Identität, ihre eigene Persönlichkeit und Würde. Sie identifizieren sich nur noch über „ihren“ Verein – dessen Farben, Symbole, Waren und können bei den angebotenen Massenveranstaltungen endlich die Sau raus lassen, ihr zivilisiertes Kettenhemd ablegen und regressiv für Momente das Rad der menschlichen Entwicklung zurückdrehen.
Fan-atismus? Nein, danke!
Wir Fußballfreunde sollten diese Entwicklung nicht unterstützen, die unseren Lieblingssport der Profitgeilheit von Vereinen und Medien ausliefert.
Also, Papa, bewahre dein Kind vor diesem Wahn, zieh ihm das gekaufte Trikot aus, schmeiß die schwarz-gelbe/blau-weiße Bettwäsche weg, damit es nicht später andere Fußballfreunde anrotzt, beschimpft und besoffen und gröhlend in fremde Vorgärten pisst -  und schicke es lieber auf den Platz zum Fußballspielen!
Ihr Fußballfreund Willi Wachsam

Na ja, lieber Willi Wachsam,
fussball_2da hast du dir ja ordentlich den Frust von der Seele geschrieben. Aber ich muss gestehen, dass ich sehr erstaunt darüber war, dass du überhaupt zur Meisterfeier nach Dortmund gefahren bist. Ich fahre da lieber gar nicht erst hin, weil ich weiß, wie unangenehm mir diese Begegnungen sind: das Gegröle, die Randale in Zügen und Bahnen, das Saufen bis zum totalen Vergessen der eigenen Erziehung und die Aggressivität gegenüber Anderen. Du hättest wissen können, dass du „solch gesochshaftes Verhalten“ bei der Meisterfeier antriffst. Seit den Forschungen von Sigmund Freud zur Massenpsychologie wissen wir, wie leicht Menschen in großen Gruppen ihren Verstand ausschalten und sich ‚gehen’ lassen. Spätestens seit dem Hurra- Patriotismus im 1. Weltkrieg und erst recht seit Adolf Hitler kennen wir leidvoll die Verführbarkeit der Massen.  
Unklar ist mir, warum du nach Dortmund gefahren bist. Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Ich selbst empfinde Langeweile, wenn ich die einzelnen Stars des Meisters auf der Bühne nach vorne kommen sehe, die die Menge zu Jubelstürmen auffordern. Mich durch eine Menge von Menschen zu quetschen und das stundenlang, nur um das mitzuerleben, finde ich öde.
Allerdings kann ich mich der Begeisterung für den Fußball (und auch den Handball) nicht entziehen und will es auch gar nicht, sei es im Fernsehen oder direkt im Stadion. Ich freue mich auch jedes Mal, wenn das Fernsehen ein Spiel des VfL direkt überträgt, so wie zuletzt die Relegation gegen die Borussia aus Mönchengladbach.
Dass der Leistungssport Fußball inzwischen zu einem kapitalistischen Unternehmen geworden ist, in dem es um kurzfristigen Profit geht und in dem dann selbstverständlich für die Spitzenangestellten Wahnsinnsgehälter gezahlt werden, ist bedauerlich, aber es passt zu unseren Lebensverhältnissen mit einer hohen Arbeitslosigkeit, hartem Konkurrenzdenken und dem Gefühl bei vielen Menschen, nicht gebraucht zu werden. Diesen Menschen bietet der hochemotionale Fußballsport Begeisterung und Lebenssinn. Dass dann auch Exzesse passieren, die du, lieber Willi Wachsam, anprangerst, ist leider so und Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Hinzu kommt, dass der Gebrauch und Missbrauch von Alkohol Teil unserer Kultur sind. Aus dieser Mischung von Alkoholrausch, fehlgeschlagener Erziehung, lückenhafter Bildung und mangelnden eigenen Erfolgen wird die Mischung, die dir so unangenehm aufstößt. Diese Fanunkultur lieben verantwortungsvolle Vereinsführungen auch nicht und versuchen durch Fanbeauftragte, dem entgegenzuwirken. Ob das mit ausreichenden Mitteln und dem notwendigen Personal geschieht, kann ich nicht überblicken, scheint mir aber der richtige Weg zu sein. Auch Fußballvereine können nicht ausgleichen, was im gesamten Leben der Fans versäumt oderfussball_1 nicht erreicht wurde.

Meinem Patenkind habe ich vor zwei Jahren zum Geburtstag auch Bettwäsche des BVB geschenkt und werde sie nach deinem Aufruf nicht (!) in den Müll werfen. Gerne folgen seine Eltern und ich deinem Aufruf, es auf den Platz zu schicken, um Fußball zu spielen. Das tun wir allerdings schon viele Jahre. Darüber hinaus sammelt er auch noch Bilder seiner Fußballhelden. Ich werde allerdings eine Entwicklung nicht unterstützen, die Fußball als den Sinn des Lebens betrachtet. Mit seinen Eltern, LehrerInnen und anderen Menschen werde ich weiter darauf hinwirken, dass in seinem Leben Werte wie Solidarität und die Achtung vor anderen Menschen – auch solchen mit anderen Einstellungen -  bestimmend werden. Ich hoffe, dass es ihm gelingen wird, Fußballfan zu bleiben und auch bei Meisterfeiern zivilisiert zu sein.
Rolf