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Literarisches von Ingrid Dressel

DresselStierkampf in Alikante                 

Wenn man sich nun schon mal drei Monate in Alikante, Spanien aufhält, ist es unablässig, auch einmal das Sonntagsvergnügen der Spanier anzuschauen: den Stierkampf. So lauteten die gut gemeinten Ratschläge meiner spanischen Freunde. Mit glänzenden Augen berichteten sie von der guten Atmosphäre in der Arena, und von der Spannung, die dort überall weilte. Also machte ich mich  an diesem Sonntag auf und begab mich zur Stierkampfarena.

Als ich mich, später als der offizielle Beginn, der gewaltigen antiken Arena näherte, war der Platz davor übersät mit  Autos. Menschen strömten aufgeregt schwatzend heran, Familien mit Kindern, von denen die ganz Kleinen noch auf dem Arm getragen wurden. Ältere Männer in einfachen, aber sauberen und ordentlichen  Anzügen, Soldaten zu Hauff , da ja noch unter dem Franco – Regime. Jeder hatte einen erwartungsfrohen Blick in den Augen anlässlich dieses großen spanischen Volksfestes.
Die riesige Menschenmenge wogte vor der Arena, und ich vernahm ein lautes Gebrabbel, anschwellend, abklingend, mit vereinzelt lauten Ausrufen des Entzückens, ein buntes Wirrwarr von Farben und Formen, einige spanische Wortfetzen, die ich verstand, einige, die ich nicht verstand. Kinder plärrten in diesem Gedränge, oder wollten eine Sache, die ihre Eltern wohl offensichtlich nicht wollten, wie alleine gehen oder ein Eis von dem kleinen Stand an der Ecke.
Ich fragte einen älteren Mann, wie viel es kostete. Er hatte ein  sonnengebräuntes, ganz runzeliges, mageres Gesicht, das nach langer schwerer Arbeit aussah, vielleicht ein Bauer aus der Umgebung, oder ein Fischer, vielleicht auch ein Handwerker, der den ganzen Tag im Freien verbracht. Er musterte mich kurz, dann sagte er:
125 Pts, todas, igual.(alles, egal).

Ich drängte mich zur Kasse, kramte das Geld heraus, bekam mein Billet und wurde von einem Polizisten in grauer Uniform zum Eingang gewiesen. Selbst hier war die allgegenwärtige Präsenz der Diktatur zu spüren. Brauchten die Menschen deshalb so stark ihren Stierkampf???
Ich kannte mich nicht aus in diesem großen Gewölbe der Arena, und verlief mich prompt in die unteren Regionen.  Durch ein Gatter gegangen, befand ich mich, wie der Zufall es wollte, in dem untersten, hohen dunklen Gang des Stadions, von dem aus alte, abgetretene Treppen zu den verschiedenen Rängen führten.

Ein paar  Leute rannten aufgeregt die ausgetretenen Treppen hinauf, begierig, nichts zu verpassen. Neugierig und ohne den blassesten Schimmer von Orientierung, wanderte ich weiter den Gang entlang, und kam zum Eingang in die Arena, dem zwei Meter hohen Holzgatter. Hier standen einige, wie mir schien, seltsame Leute und zwei geschmückte Pferde, dicke Kaltblüter mit roten und grünen Pompons, und zottigem Fell.
Gerade, als ich das Gatter erreicht hatte, riefen mir einige Männer in blauen Arbeitsanzügen zu, ich solle beiseite gehen, weg da, weg da! Die Pferde wurden hastig angetrieben, und begleitet von lauten Rufen, trabten sie in die Arena. Nach kurzer Zeit kamen sie zurück, einen toten Stier an zwei Lederriemen hinter sich herschleifend. Über den Boden des Ganges, hinter ihnen her, verteilte sich eine schwache Blutbahn auf den Steinen.
Der Stier sah entsetzlich aus. Seine Flanke war seitlich  aufgerissen, aus den vielen Wunden in seinem Nacken quoll das Blut. Vor allem die starren Augen…   Sein Letzter Blick war durchsetzt von Entsetzen, Angst und Verzweiflung.
In großem Bogen wurde er in einen gekachelten Raum an die gegenüber liegende Seite des Ganges gezogen, in dem eine Wanne mit Wasser stand. Die Männer in blau stürzten sich sogleich mit scharf gewetzten Messern auf ihn, wuschen und zerlegten ihn. Es roch nach frischem Blut.

Ein Reporter machte eine Fotoaufnahme nach der anderen.
Im Gang stand ein alter Mann mit einfachem Holztischchen, auf dem er Erdnüsse und Sonnenblumenkerne in kleinen Tütchen feilbot. Gegenüber befand sich eine Stellage mit blauen und türkisfarbenen Plastikkissen die ein kleiner, sonnengebräunter Junge anbot.
Ich schloss mich einer Gruppe von Männern an, die eifrig die Treppe hinaufliefen in die oberen Ränge, und ergatterte in der 2. Etage einen Platz auf einer Treppenstufe.
Nun erst hatte ich einen Blick auf die gesamte Arena, ein altes Steingemäuer, die schmalen, unbequemen  Holzbänke überdacht von einem, etwas maroden Ziegeldach. Der Boden in der Arena war aufgeschüttet mit Sand, umrandet mit einem hohen Holzgatter, durchbrochen von den  herausstehenden Holzplanken, hinter die sich die Matadore flüchten konnten, wenn sie den Stier zur Wut gebracht hatten.

Das Stadion war ausverkauft bis auf den letzten Platz, und die Lautstärke der Rufe, Schreie, des Gemurmels schwollen verwirrend in meinen Ohren. Direkt hinter mir stand eine Gruppe von Polizisten, grün gekleidet, mit schwarzen, glänzenden Lackhüten, deren rückwärtiger Rand seltsam aufrecht hochgeklappt war.
Gegenüber spielte eine kleine Kapelle einen Tusch, und ein  Stier stürmte in die Arena. Nachdem er in der Mitte des Platzes stand, sah er zunächst verwirrt und irritiert aus, und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. Die Gehilfen des Matadors, wendige Kerle in kurzen Jäckchen und engen Hosen, liefen in leichten Schritten, ihr rosa Tuch schwenkend, dem Stier entgegen. Das Tuch hielten sie gespreizt ausgestreckt weit ab von ihrem Körper und tänzelten auf den Stier zu. Der Stier nahm dies erst gelassen hin, dann aber mehr und mehr aufgeregt wahr, und reagierte mit Drohgebärden. Er senkte den Kopf, zeigte die Hörner. Er setzte sich in Richtung der Männer in Bewegung, nicht besonders schnell, eher stolz schreitend.
Immer, wenn das Tier bei den Männern angekommen war, zogen sie blitzschnell das Tuch zur Seite, machten eine leichte Drehung, und das Volk johlte bei jeder Ihrer Bewegungen, angesichts des Mutes, den sie anscheinend aufzubringen vermochten.
Der Stier blieb verwirrt stehen.
So lange sprangen sie um das Tier herum, so lange johlte das Volk, so lange untermalten die Tusche der Musik das Geschehen, bis das Tier in Angriffsstimmung gebracht war. Der Stier wurde zunehmend nervöser und setzte an, vorzuspringen und eine Attacke zu wagen. Nach diesem Vorspiel de es für das Tier ernst.
Zwei Männer auf gepanzerten Pferden ritten in die Arena und trieben den Stier in einer Ecke in die Enge. Sie stachen schmale Lanzen in die Seite des Stieres, in seinen Rücken und Nacken. Bei jedem Hieb heulte das Publikum auf vor Vergnügen. „Ole“ wurde einheitlich von der Menge gerufen, wieder und wieder „Ole“. Das Tier war schon erheblich geschwächt. Jetzt war der Stier wohl so weit, Todesangst zu empfinden, malte ich mir aus, schaute auf die Leute, schaute auf den wie mir schien winzigen Stier in diesem ganzen Spektakel.
Nun erschien der Matadore, brausend applaudiert vom Publikum. Er verbeugte sich gockelartig vor dem Publikum, und näherte sich dem Tier mit graziösen Bewegungen. Bei einer plötzlichen Drehung des Stiers, wenn dieser auf ihn zuraste, rammte er ihm von der Seite Pfeile mit bunten Wimpeln in den Nacken.  Bei jedem Pfeil johlte und klatschte das Publikum begeistert, ertönte ein Tusch der Kapelle, wie wir es eigentlich nur von Büttenreden im Kölner Karneval kennen. Nein, ein Fußballspiel hat ja nun doch die gleiche Funktion, nur, dass sich eventuell dabei die hoch bezahlten Spieler auf eigenes Risiko verletzen – und nicht ein Tier. So stand der Stier nun in der Arena, schwer schnaubend, Blut rann ihm aus der Seite, an seinem Nacken entlang.

Damit das Tier überhaupt auch kämpfen will, wird es Tage zuvor in dunklem Verschlag gehalten. Plötzlich wird der Stier dann befreit und kommt heraus an die Sonne. Das Schreien und Johlen der Menge begleiten ihn, er wird verwundet, hat Schmerzen, hat Todesangst, versucht mit Angriff, sich dagegen zu wehren, bis zum Ende. Er wird langsam, ganz langsam abgeschlachtet. Beim letzten Degenstoss, dem Todesstoß, taumelt er noch eine Weile, Blut stürzt ihm aus dem Maul, er fällt auf die Knie, auf den Bauch.
Eigentlich weiß er die ganze Zeit nicht, was mit ihm passiert, da er nicht wie auf der Weide natürliche Gegner oder natürliche Lebensgewohnheiten hat. Ein vollkommen ungerechter Kampf.
Und die Menge brüllt, tobt, feuert den Matador an. “Ole“… „Ole“ wogt es.   
Die Gesichter der Soldaten hinter mir entsetzten mich, strahlend aggressiv, voll Freude bei dem grausamen Spiel.

Hinter mir saß ein kleines Mädchen mit Silberblick und Brille. Es sagte zu seiner Mutter:
- NO ME GUSTA; NO ME GUSTA!!! –
(Gefällt mir nicht.)
Sie gefiel mir.

Eine Frage der Betrachtung

Er hat ein rundes, dickes Gesicht,
wulstige Lippen, fleischige Ohren,
speckiges Doppelkinn.
Seine gerundete Stirn hoch,
sein Teint hell.
Auf seiner Glatze
nur ein Flaum von kurzen, weißblonden Haaren.
Im Unterkiefer fehlen ihm Zähne,
und wenn er spricht,
ist es schwer verständliches Zeug.
Seine großen, wasserblauen Augen wimpernlos,
ihm fehlen ausgeprägte Brauen.
Sein Hals kaum wahrnehmbar,
Speckmasse überall, gedrungener Körper.
Seine Bewegungen unkoordiniert.

Er sitzt auf der Couch, von einem Kissen gestützt.
Neben ihm liegt eine Rassel, ein Bilderbuch...
Er ist ja erst ein Jahr alt.