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Wie die Eisenbahn nach Langendreer kam

„Als aber das Rauchwölkchen des ersten Eisenbahnzuges sichtbar wurde und der Pfiff der ersten Eisenbahnlokomotive in Langendreer ertönte“, so schreibt Max Jäkel ein wenig poetisch, aber durchaus zutreffend in seiner Geschichte des Ortes, „da erwachte Langendreer zu neuem, regen Leben“. 1)

Erst mit der Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth war dieses neue,  technische Wunderwerk nach Deutschland gekommen. Ganz schnell jedoch erkannte man, welch enorme Bedeutung für Handel und Wirtschaft dies bedeuten konnte. Transportprobleme ließen sich ungeheuer vereinfachen. Waren konnten wesentlich schneller und sicherer und auch in größeren Mengen von Ort zu Ort gebracht werden.
Auch inunserer Region erkannte man schnell den Nutzen des neuen Fortbewegungsmittels, mit dem die alten Pferdefuhrwerke nicht mehr in Konkurrenz treten konnten. Gerade dem Bergbau, der hier mit einigen Großzechen ein wichtiger Wirtschaftszweig war – dies waren z.B. die Zechen Heinrich Gustav, Colonia (später Mansfeld) und Bruchstraße schon zur Mitte des 19. Jahrhunderts – konnte nur an einer Lösung der Transportprobleme liegen. So war es denn auch nicht weiter verwunderlich, dass nicht die Personenbeförderung, sondern der Gütertransport in den ersten Jahren bei allen Eisenbahngesellschaften - die Eisenbahngesellschaften waren  alle in Privatbesitz - im Mittelpunkt stand. So näherten sich auch ganz schnell zahlreiche Eisenbahnstrecken unserem Ort, ohne ihn aber schon anzufahren. Am 15.April 1847 eröffnete die „Köln-Mindener“- Eisenbahn eine Verbindung zwischen Duisburg und Hamm quer durchs Ruhrgebiet und ab dem 20.Dezember 1848 verband die „Bergisch-Märkische“ Eisenbahngesellschaft Elberfeld und Dortmund.
Auch Langendreer wollte eine Eisenbahnstrecke mit einem Haltepunkt haben und unternahm alle Anstrengungen, um dies auch zu erreichen. Man sammelte sogar Geld in Form von Anleihen für den Eisenbahnbau.
Der „Märkische Sprecher“ schreibt darüber:
Bochumer Eisenbahn
Durch eine Deputation aus unserer Mitte ist heute die Linie vom Wittener Bahnhofe bis Bochum bereist und für wohl ausführbar befunden. Der Bahnhof für Bochum wird sich in unmittelbarer Nähe der Stadt anlegen lassen. Die bereiste Strecke soll jetzt gleich vermessen und nivelliert werden. Wir ersuchen deshalb unsere Mitbürger, zur Bestreitung der Kosten die gezeichneten Beträge dem herumgehenden Boten zu behändigen, auch diejenigen unter uns, welche noch nicht gezeichnet haben, sich zu beteiligen, um die gute Sache rasch zu fördern.
Die Bereisung  der Linie von hier bis Essen wird in nächster Woche vor sich gehen, und hoffen wir, in Zeit von 4 Wochen im Stande zu sein, einen übersichtlichen Plan und Kostenanschlag vorlegen und zur Bildung einer Actiengesellschaft übergehen zu können.
Bochum, den 8.Februar 1849        Das provisorische Comité’ 2)  
Ganz so schnell, wie erwartet, ging es dann aber doch nicht. Die Vorbereitungen, Planungen und der Bau zogen sich noch ein paar Jahre hin. Am 26. Oktober 1860 war es dann aber endlich soweit. Eine 14,78 km lange Eisenbahnstrecke zwischen Bochum - Langendreer und Witten konnte eröffnet werden und ihren Betrieb aufnehmen. Die Lage des Bahnhofs war dann auch vom Schwerpunkt der Kohlenabfuhr, nicht vom Personenverkehr bestimmt. Deshalb war der heutige Alte Bahnhof im Kreuzungsbereich Langendreer, Ümmingen und Werne ein idealer Standort. Die Zechen Colonia, Vollmond, Neu-Iserlohn,  Heinrich-Gustav erhielten auch einen unmittelbaren Gleisanschluss. Der wirtschaftliche Aufschwung war nicht mehr aufzuhalten. Wohnhäuser für Bedienstete entstanden, z.B. Im Uhlenwinkel 7 und Vollmondstraße 17, dort sprach man auch vom süßen Loch, weil dort einmal ein mit Zucker beladener Waggon umgekippt sein soll. Die gesamte Region des heutigen Alten Bahnhof wurde besiedelt, schon 1860 entstand mit dem „Zum Burghof“ ein imposantes Gebäude, das Bahnhofshotel, das den Geist des Aufbruchs heute noch sichtbar verkörpert.
Aber dabei blieb es natürlich nicht. Am 5.10.1862 wurde die Strecke Langendreer – Lütgendortmund -Dorstfeld – Dortmunderfeld - Dortmund  eingeweiht, gleichzeitig entstand die Kohlebahn Langendreer - Laer, die 1870 bis Dahlhausen verlängert wurde. Ab dem 19.9.1874 führte eine Strecke vom Bahnhof Bochum-Nord über Langendreer-Nord bis Dortmund-Hörde.
Die Unterscheidung der beiden Langendreerer  Bahnhöfe war auch sprachlich festgelegt. Der erste Bahnhof hieß nun Langendreer-Nord (im Bereich des heutigen Alter Bahnhof) und gehörte der Rheinischen Eisenbahngesellschaft, der neue Bahnhof Langendreer -Süd im Dorf (im Bereich des Wiebuschweges/Volkspark) der Bergisch- Märkischen. 1875 hatte Süd 6 und Nord 8 Gleise, außerdem gab es eine einspurige Verbindung zwischen den beiden Strecken. Kontrolliert und bewacht wurde die Strecke von zwei Wärterbuden mit Schranken, es waren ja schließlich zwei Gesellschaften.

Als am 15.12.1880 die Rheinische Eisenbahn die Strecke Langendreer  - Witten-Ost – Löttringhausen als eingleisige Nebenbahn  am „Herrensiepen“ und der Ostgrenze Langendreers vorbei  in Betrieb nahm („Rheinischer Esel“), gab es sieben ausgebaute Strecken, die noch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bestanden. (zum “Rheinischen Esel” s. auch S. 55).
Die Eisenbahngesellschaften blieben auch nicht länger privat, sonder gingen am 1. Januar 1882 in das Eigentum der Preußischen Landeseisenbahn über. Doch es gab noch weitere, tiefgreifende Veränderungen. Durch „Allerhöchsten Erlaß vom 15. Dezember 1894 betreffend  der Umgestaltung der Eisenbahnbehörden“ wurden die zur Ausführung der bisherigen Organisation  eingesetzten Eisenbahndirektionen und Betriebsämter aufgelöst und am 1.April 1895 neue Direktionen geschaffen, darunter auch die Direktion Essen. Die beiden Bahnhöfe in Langendreer, die vorher zur Direktion Elberfeld gehörten, unterstanden nunmehr der „Königlichen Eisenbahndirektion“ und der Direktion nachgeordnet der „Königlichen Eisenbahn-Betriebs-Inspektion 2“ in Essen.“ 3)  

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die Technik einen enormen Aufschwung und die Rangierbahnhöfe im Ruhgebiet zwischen Duisburg und Hamm wurden stark ausgebaut. Zwischen 1900 und 1910 entstanden zahlreiche große, moderne und leistungsfähigere Anlagen. Auch in Langendreer ging die Entwicklung weiter. Der Bahnhof Süd, der schon längst zu klein war, sollte 1903 erweitert werden, der Personenbahnhof weiter nach Osten verlegt werden (nahe der Einmündung der Straße an den Lothen / Im Uhlenwinkel). Langendreer-West war über 40 Jahre lang so sehr gewachsen, dass man sich auf die Planungen verließ und ein großes Bahnhofshotel an dieser Stelle (Im Uhlenwinkel 12) erbaute. Doch dann kam es ganz anders. Die beiden Langendreerer Bahnhöfe wurden vereinigt, ein Neubau sollte am Bahnhof Nord entstehen. Zwischen 1906 und 1909 wurde der Güterbahnhof auf gewaltige Ausmaße erweitert. Wo vorher zwischen den beiden Bahnhöfen noch Landwirtschaft war, entstanden neue Gleise. 1908 wurde dann das uns bekannte Empfangsgebäude (heutiger „Kulturbahnhof“) errichtet. Dazu waren enorme Umbaumaßnahmen nötig. Die Bahn brauchte einen neuen Damm, die umliegenden Straßen mussten abgesenkt werden, die Unterführung , die noch heute steht, gebaut werden. Dies erklärt auch den hohen Treppenaufgang am „Hotel Heckert“. Das „Central-Hotel“ entstand erst 1911. Ja selbst die Eisenbahnstrecke Langendreer – Witten musste verlegt werden und wurde über die Oesterheide ums Dorf herum gelegt und traf erst in Höhe der Einmündung Stiftstraße-Hauptstraße wieder auf ihre alte Streckenführung.

Die Zeitung schrieb zu den Vorarbeiten hierzu am 30. Januar 1905: „ Die neu projektierte Eisenbahnstrecke, die bei der Blockstation an der Provinzialstraße von der bisherigen Strecke Witten – Langendreer abzweigen soll, ist von der Kommission vermessen und abgesteckt worden. Ob man die alte Strecke als Gabelstrecke für den Güterverkehr beibehalten wird, ist noch nicht entschieden. Wenn sie eingezogen würde, so wäre das für die Entwicklung von Langendreer zu großem Nutzen“.’4)  

Sie wurde, und heute, nach dem Ausbau und Wachstum im Dorf, ist nichts mehr von dem alten Bahndamm zu sehen. Auf der Freifläche zwischen Bahndamm und Gaststätte Oelken fanden übrigens häufiger Freilichtaufführungen am Drahtseil und Hochmast statt.
Am 1. August 1929 mit der Eingemeindung nach Bochum wurde der Bahnhof in Bahnhof Bochum– Langendreer umbenannt und bis 1930 für den Personenverkehr viergleisig ausgebaut. Damit war er von weit größerer  Bedeutung als der Bochumer Hauptbahnhof.
Aber damit war die Geschichte der Eisenbahn in Langendreer natürlich noch nicht zu Ende.
Wie es weiterging bis zur Schließung des Bahnhofs und dem Entstehen des Kulturbahnhofes, dessen Jubiläum auch  in dieser Ausgabe gewürdigt wird, wird in der nächsten DORFPOSTILLE zu lesen sein.                            GK

1) Clemens Kreuzer, Langendreer – Werne zwischen Steinzeit und Gegenwart, Eine Siedlungsgeschichte des Bochumer Ostens, Heinrich Pöppinghaus Verlag 1999, S.339
2) Karl Alberts, Heimatbuch Langendreer Werne, H. Pöppinghaus, Bochum – Langendreer, S. 154
3) Karl Alberts, Heimatbuch Langendreer Werne, H. Pöppinghaus, Bochum – Langendreer, S.. 157
4) Karl Alberts, Heimatbuch Langendreer Werne, H. Pöppinghaus, Bochum – Langendreer, S. 159

Dank an die "Heimatstube" im Amtshaus, in der wir die Fotos machen durften.

Bekanntmachung
Dienstag den 6, November c., von vormittags 9 Uhr ab, sollen auf dem Hofe der Königlichen Posthalterei zu Bochum 8 Stück diensttüchtige Postpferde, welche in Folge der Eröffnung der Eisenbahnstrecke zwischen Witten und Bochum entbehrlich geworden sind, öffentlich gegen gleich baare Zahlung versteigert werden.
Arnsberg, den 26. October 1860
Königliche Ober-Post-Direction
Aus: Karl Alberts, Heimatbuch Langendreer Werne, S. 155