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Langendreer und die Müser–Brauerei im Wandel der Zeiten

Die Müser – Brauerei und das, was heute noch von ihr zu sehen ist auf dem Gelände des Kaufhauses Real an der Hauptstraße mitten im Dorf, gilt als Wahrzeichen Langendreers und ist vielen in bleibender Erinnerung. Wir möchten deshalb in dieser und der nächsten DOPO aufzeigen, wie sich dieses Unternehmen in Langendreer entwickelt hat, welche Veränderungen es bis zu seiner Schließung erfahren, aber auch wie es sich in und für Langendreer dargestellt hat. Deshalb wollen wir neben den Fakten auch Fotos und Dokumente aus unterschiedlichen Zeiten vorstellen und Erinnerungen Interessierter aufzeigen.

mueser_41806 gründet der Kaufmann Johann Wilhelm Müser eine Hausbrauerei, und die Gaststätte „Zur Kanone“ wird ihr Stammhaus.

Bier war über lange Jahrhunderte weit mehr als nur ein Getränk, es war vielmehr fast ein Grundnahrungsmittel, das genauso zum normalen Alltag gehörte wie Getreide und Brot.
1321 legte Graf Engelbert von der Mark in seiner Braugerechtsame fest, dass die Gläser voll gefüllt werden müssten. 1651 beschlossen z. B. die Bochumer Stadtväter, dass jedem Ratsmitglied pro Mann und Tag 6 l Bier zustanden, 1658 legten sie den Bedarf auf 4,8 l fest.
Bierbrauen und Bierverkauf waren aufgrund der Herstellungs-, Lagerungs- und Vertriebsmöglichkeiten in jenen Zeiten eher ein lokal angesiedelter Wirtschaftszweig. Dies sollte sich erst mit der und durch die Industriealisierung ändern.

mueser_9Johann Wilhelm Müser hatte mit seinem Unternehmen von Anfang an Erfolg. Es vergrößerte sich stetig. Schon bald mussten neue Grundstücke erworben werden, um weiter expandieren zu können. Natürlich gab es auch manches Problem, wie den Streit mit Anwohnern und der Verwaltung Langendreers  über die Verschmutzung des Ölbaches durch die Brauerei.  1866 wurde auf den angrenzenden Grundstücken die „Gebr. Müser - Brauerei“ errichtet, diese 1882 in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt und 1891 die Aktiengesellschaft „Bierbrauerei Gebr. Müser AG“ mit einem Aktienkapital von 765.000 Mark gegründet. Im Verlauf der Jahre wurde dies immer wieder angepasst, Grundbesitz dazu erworben und die Fabrikanlagen wurden ausgebaut und modernisiert. Hier waren natürlich die allgemeinen Veränderungen im Wirtschaftsgefüge durch die Industriealisierung von erheblichem Einfluss.

Schon am 26. Oktober 1860 eröffnete die Bergisch-Märkische-Eisenbahngesellschaft (BME) ihren ersten Bahnhof in Langendreer, 1862 kamen schon weitere Streckenverbindungen dazu - z.T. erst nur für den Bergbau -  ab 1870 gab es schon einen regulären Güterverkehr. Der BME-Bahnhof lag allerdings recht weit vom Ortskern entfernt in der Nähe des heutigen Haltepunktes Langendreer-West, doch schon 1874 entstand an der Gasstraße ein kleiner Rangierbahnhof und am 19. November 1874 eröffnete die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft einen weiteren Bahnhof in der Nähe des heutigen Kulturbahnhofs.
mueser_1Die verschiedenen Eisenbahngesellschaften waren scharfe Konkurrenten und warben intensiv um Kunden, vornehmlich natürlich  um die verschiedenen Zechen, aber auch alle anderen Unternehmen profitierten davon. Langendreer war verkehrstechnisch hervorragend erschlossen und dies verhalf natürlich auch den ansässigen Betrieben zu weiteren Erfolgen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die verschiedenen Eisenbahngesellschaften verstaatlicht und zur Preußischen Staatseisenbahn zusammengeführt. Zwischen 1906 und 1908 entstanden dann ein neuer Rangierbahnhof und das heute als Kulturbahnhof bekannte Empfangsgebäude. Der Ausbau ging bis in die 50iger Jahre des 20. Jahrhunderts stetig voran.
1866 entstand übrigens  auch die Eickelbergsche Kornbrennerei an der heutigen Oberstraße – Korn und Bier passten doch gut zusammen!
1877 kamen die ersten Laternen  an Langendreers Straßen und 1899 fuhr die erste Straßenbahn.
Gestützt auch durch all diese Entwicklungen konnte sich die Müserbrauerei gut gegenüber der Bierstadt Dortmund behaupten und sich einen Stammplatz               
unter den verschiedenen Wettbewerbern sichern. 1907 arbeiteten schon über 100 Männer in der Brauerei und deren Anlagen. Diese  waren z.T. strengen Arbeitsbedingungen unterworfen – eine erhaltene Arbeiterordnung von 1906 zeugt davon,  die wir heute in einigen Punkten sicherlich nur noch schwer nachvollziehen können. Aber ein Blick darauf lohnt sich trotzdem.

mueser_8Der erste Weltkrieg mit seinen katastrophalen Folgen brachte auch der Brauerei genau wie allen anderen Unternehmen erhebliche Einbußen. So fehlten z. B. Arbeitskräfte. Autos und Pferde wurden vom Militär eingezogen. Die Unterversorgung an Nahrungsmitteln während des Krieges, Reparationszahlungen nach dem Krieg und wirtschaftlicher Zusammenbruch führten dazu, dass Bier zu einem relativen Luxusgut wurde. Die Brauereien – und Müser war da keine Ausnahme – stöhnten über zu hohe Biersteuern, verlangten Steuersenkungen und Entlastungen der Unternehmen.
Allmählich gelang es, die Wirtschaftskrise zu überwinden und es ging wieder aufwärts. Müser konnte wieder investieren und expandieren. Aktien und Stammkapital konnten wieder steigen und im Rahmen der Veränderung der Besitzverhältnisse gründete sich dann 1938 die „Müser-Brauerei-Aktiengesellschaft“. Übrigens brachte Müser 1931 sein erstes alkoholfreies Getränk auf den Markt, die Müser - Orangeade, deren Absatz stetig stieg.
Schon 1937 war der erste Spatenstich erfolgt zu einer Betriebssportanlage mit einem Kleinkaliber-Schießplatz für die Herren und einer Erholungsanlage für die Familien. Betriebsobmann Deppe richtete noch einige Worte an die Arbeitskameraden: „ Wenn auch wir Älteren keinen Nutzen mehr von dieser Arbeit haben, wir sorgen für unsere Jugend, und wir wissen, dass sie einmal ihre helle Freude an diesem Sportplatz haben wird, und dass jeder dann mit Stolz sagt: Daran hat mein Vater mitgearbeitet! Es muß für uns alle eine Ehre sein, treu und fleißig mitzuarbeiten, Aufgaben zu erfüllen, die Dr. Ley dem Schaffenden gestellt hat. Und wir werden es schaffen, treu dem Vaterland, treu dem Führer!“ (Westf. Landeszeitung 26.10.1937) – Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

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Der zweite Weltkrieg führte zu erneuten Zusammenbrüchen und 1945 zu einem Brauverbot durch die Besatzungsmächte. Dieses wurde erst 1949 aufgehoben, und nach und nach fielen auch alle weiteren Sanktionen auf hochwertige Biere.
1948 brachte die Währungsreform die Umstellung des Grundkapitals von 1,6 Mio. Reichsmark auf 1,6 Mio. DM mit sich.

mueser_5Wieder einmal ging es aufwärts. Modernisierung und Erweiterungen führten dazu, dass Umsatz und Ansehen stiegen. 1956 konnte die Brauerei dann im 450. Jahr des Reinheitsgebotes für deutsches Bier ihr 150-jähriges Jubiläum feiern. Die Feiern wurden groß ausgerichtet und am 4. Oktober mit feierlichem Rahmenprogramm begangen.
Doch schon knapp fünf Jahre später wird Müser an den Schultheißverbund mit Hauptsitz in Berlin verkauft. Trotz zahlreicher Bedenken verspricht man sich ein Anwachsen der Produktion und die langfristige Sicherung der Arbeitsplätze.

Am 20. September 1967 feiert die Schultheiß – Brauerei ihr 125jähriges Bestehen. Auf dem Langendreerer Marktplatz wird ein Bierbrunnen aufgebaut, für die Mitarbeiter eine Feier bei Oelken ausgerichtet und allen wird, abhängig von der Dauer ihres Beschäftigungsverhältnisses,  ein Jubiläumsgeld ausgezahlt.
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Im Oktober wird dann die Gaststätte Nixdorf (in den Räumlichkeiten der heutigen „Marktbörse“) als neue Stammgaststätte eröffnet und die Zukunft der „Kanone“ damit in Frage gestellt. Ihr „Aus“ erfolgte dann  auch bald.
Die Zukunft des Brauereigewerbes blieb aber nicht so rosig, wie alle geglaubt hatten. Absatzrückgang und Brauereischließungen waren die Folge. Auch Langendreer und seine Brauerei geraten mit in dieses Fahrwasser und 1975 ist es dann endgültig: Schultheiß und Schlegel fusionieren und der Langendreerer Betrieb wird geschlossen. 169 Jahre Brauereitradition und -geschichte gehen unwiderruflich zu Ende. Rund 100 Arbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze. Alle 5 bisher in getrennten Betrieben gebrauten Bochumer Biermarken werden nun in der Schlegel- Brauerei in der Innenstadt hergestellt, die jetzt Braustätte Bochum heißt. Das traditionelle Zehnergespann der Berliner Schultheißbrauerei, das zu diesem Anlass extra nach Bochum gebracht wird, wirbt als besondere Attraktion  vier Tage lang für die neue Braustätte  in der Innenstadt und pendelt zwischen Bochum und Langendreer. Auch die Braustätte Bochum gehört längst der Vergangenheit an.

mueser_7Blieb noch die Frage, was mit dem Firmengelände in Langendreer  geschehen sollte.
Am 1.Juli 1975 erwirbt Karl Semmler, der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Mittelstandsvereinigung, das Müsergelände,  aber nicht den Parkplatz und die Weiden. Freizeit, Hobby und Gewerbe (Lebensmittel) will er ansiedeln, verrät aber noch nicht seine konkreten Pläne. Fest steht nur, dass das Sudhaus erhalten bleiben soll. Über Kegelbahn und Gastronomie hat es sich  dann zu einer der größten Discos,  vormals „Rockpalast“, heute „Matrix“, gewandelt. Zunächst Divi und dann Real als Discounter  fanden schließlich ihren festen Platz auf dem Brauereigelände in Langendreer, ebenso wie die Waldorfschule, die auch auf dem ursprünglichen Brauereigrundstück einschließlich der Müser-Villa steht.

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Neben all diesen Fakten gibt es aber auch noch die Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter und  der Langendreerer Bevölkerung. Ganz aus dem Bewusstsein verschwunden ist Müser / Schultheiß ja doch nicht. Einige erinnern sich sicherlich noch an den Weihnachtsbaum auf dem Turm, an Fahrzeuge und Firmengeräusche. Etliche Erinnerungen sind auch in Bildern festgehalten. Einige davon dokumentieren wir an dieser Stelle.
GK                    

Die abgebildeten Fotos und Dokumente stammen aus dem Stadtarchiv und Privatsammlungen. Vielen Dank für die Zusammmenarbeit.
Weiter Dokumente und Bilder finden Sie im virtuellen Müser-Museum