Straßenbahn-Bautagebuch eines Anwohners zum Projekt 310
STRATABU (März 2010)
"Prognosen sind schwer zu stellen - besonders wenn es um die Zukunft geht." Diese schöne Erkenntnis von Karl Valentin trifft sicher voll auf die "310 / neu" zu. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass vor allem die Gegner der Verlegung der Straßenbahn auf Haupt- und Unterstraße nichts unversucht lassen um für ihre Auffassung zu punkten. Die große Zeitung im Ruhrgebiet, die WAZ, brachte zu Jahresbeginn einen mutmachenden Artikel für die Strabagegner. Denn nach einigen allgemeinen Infos zum Erörterungsverfahren für die Einsprüche im Planfeststellungsverfahren wird locker behauptet, dass 4 Langendreerer Geschäftsleute, die regelmäßig viele Menschen treffen, " wie aus einem Mund sagen, dass es praktisch keine Befürworter" für die 310 gebe. Nicht nur das Ergebnis der Kommunalwahl und die Wahl zur Bezirksvertretung sprechen da allerdings eine andere Sprache: SPD und Grüne, die offensiv für den Strababau warben, konnten ihre Mehrheit gut verteidigen, und das Lager der Gegner um CDU und FDP wurde gerupft. Aber auch sonst ist der WAZ -Artikel sicher vorschnell. Im 310 -Infobüro auf der Alten Bahnhofstraße hängen seit einigen Wochen große bunte Fotos von Langendreerer Bürgern, die sich für die neue Straßenbahn mit ihrem Bild und Namen zeigen und damit für das Projekt werben. Ein Besuch im Infobüro lohnt immer - aber jetzt zum Fotogucken ganz besonders. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Bogestra diese Fotos in ihrer Werbekampagne einsetzen wird. Und dann werden auch die Geschäftsleute endlich Befürworter kennenlernen können - mit einigen sollen einige sogar befreundet sein. Aber von den Prognosen zu den Fakten. Seit Mitte 2009 liegen die Einsprüche aus Langendreer im Arnsberger Regierungspräsidium vor. Nach den Buchstaben des Gesetzes ist nun der Regierungspräsident Herr des Verfahrens. Er hat die Bogestra als zu künftigen Bauherrn zur Stellungnahme aufgefordert. Konkret geht es um rund 200 Einwendungen, die teilweise in gemeinschaftlichen Schriftstücken vorgebracht werden. Die Gesamtzahl der EinwenderInnen dürfte bei rund 400 liegen. Nicht mitgezählt sind hier die UnterzeichnerInnen diverser Unterschriftenlisten, die genau geprüft werden, wer nach dem Melderegister überhaupt einspruchsberechtigt ist. Außerdem konnten die Träger öffentlicher Belange ihre Stellungnahmen vorbringen. Von besonderem Gewicht scheint hier ein Papier der IHK zu sein. Alle Einwender werden wohl Ende des 2ten Quartals zu einer nichtöffentlichen Erörterung eingeladen. Dort werden unter Vorsitz des RP Einsprüche und Stellungnahmen erörtert und später vom RP entschieden. Wer mit diesen Entscheidungen nicht zufrieden ist, kann dagegen beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen klagen. Richtig spannend wird es, wenn das Gericht zu entscheiden hat, ob die Klagen aufschiebbare Wirkung haben. Es könnte also die Situation entstehen, dass die Bauarbeiten beginnen, obwohl die Klagen noch nicht rechtskräftig entschieden sind. Hier eine Prognose zu stellen, ist sehr schwierig, denn es geht ja um die Zukunft… Sicher braucht man kein Prophet zu sein, wenn man einen Start der Bauarbeiten in 2010 für unwahrscheinlich hält. Doch selbst wenn die 310 nicht gebaut werden sollte - zumindest die Unterstraße wird für Kanalsanierungen irgendwann in den nächsten Jahren eine Baustelle werden. Sollte die neue Straßenbahn gebaut werden, würden diese Arbeiten in einem Rutsch mit erledigt. Zum Jahreswechsel hat Apotheker Seidenstücker seine Kundschaft wieder mit einem Kalender mit schönen historischen Fotos beschenkt. Während in den Fenstern der Adler-Apotheke die Anti-310 -Plakate und Plaketten vergilben, freuen sich Gegner und Befürworter im Monat März 2010 an einem Straßenbahnfoto und rätseln, ob der bekannte Strabagegner Dr. Seidenstücker seine Liebe zu Straßenbahnen dokumentieren will - wenn sie nur recht alt und außer Diensten sind. EL
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