130 Jahre Schule im Oberdorf - 1. Teil
Eine Zeitreise
Wir blickten im Jahr 2009 auf 130 Jahre Schule an der Oberstraße 65 in Langendreer zurück. Die Schule ist entstanden zu einer Zeit, die wir alle nur aus Büchern und vielleicht einigen alten, inzwischen vergilbten Bildern und Karten kennen. Eine Zeit, die uns Menschen des 21. Jahrhunderts doch so unendlich fern erscheint. Gerade deshalb wollen wir den Versuch einer kurzen Zeitreise unternehmen, uns Fragen stellen, Antworten suchen, damit vielleicht auch neue Fragen aufwerfen und Ausblicke in die Zukunft entstehen lassen. Über 130 Jahre Leben und Erleben gibt es viel zu berichten - Ernstes, Amüsantes, Nachdenkliches, Trauriges, Fröhliches. Unternehmen wir also den Versuch, Einblick zu nehmen in das Leben unserer Vorfahren an und mit dieser Schule. Wir schreiben das Jahr 1879. Eine neue Schule wird in Langendreer an der Oberstraße 65 eingeweiht, das Gebäude, das noch heute die Schule beherbergt. In einem alten Zeitungsbericht von 1949 anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Schule heißt es: "Die Einweihung war in würdiger Weise durch den Landrat des Kreises Bochum, Overweg , erfolgt. Im Festzuge vor 70 Jahren bewegten sich an der Spitze der Landrat und die übrigen Persönlichkeiten mit den Lehrern und Kindern der Schule im Unterdorf zu dem neuen System im Oberdorf. Zur Feier des Tages fand im Saale Münstermann ein Festessen statt, an dem als Ehrengäste Landrat Overweg, der Präses des Schulvorstandes, Pfarrer Landgrebe, und der damalige Amtmann von Langendreer, Gutsbesitzer Schulze - Vellinghausen aus Stockum teilnahmen."1) Wir müssen uns hier also würdige Herren mit Frack und Zylinder, Damen in eleganter Kleidung, frisch gewaschene und im Sonntagsstaat herausgeputzte Kinder, die brav und ehrfürchtig in Zweierreihe gingen, von den Lehrern "bewacht", vorstellen. Also kein fröhliches Schulfest, wie wir es feierten, sondern die Darstellung von Amt und Würden, Obrigkeitstreue und Gehorsam. Schade, dass kein Foto mehr erhalten ist. Doch 1879, nur acht Jahre nach der Gründung des 2. Deutschen Kaiserreiches mit Kaiser Wilhelm I an der Spitze, war das die normale Feier eines solchen Ereignisses. Die Schule bekam außerdem den Namen Friedrichschule. Die Wahl dieses Namens lässt sich leider nicht mehr durch Dokumente belegen, doch ist der Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich als Namensgeber sehr wahrscheinlich. Unsere ganze Region gehörte schon vor der Reichsgründung zum Königreich Preußen, dessen Herrscherhaus nun den Kaiser stellte. Doch warum war überhaupt eine neue Schule gebaut worden? Langendreer, ein beschauliches, wenn auch prosperierendes Bauerndorf, hatte seine Kinder stets in die an der Kirche gelegene Schule geschickt, die doch erst 1858 ein neues, größeres Gebäude bekommen hatte und in sechs Klassen 450 Kinder unterrichtete. Doch da war um die Mitte des 19. Jahrhunderts in unsrer Gegend Kohle gefunden worden. Weit eher als in anderen Regionen entstanden zahlreiche Zechen. Namen wie Vollmond, Mansfeld, Robert Müser, Bruchstraße, Heinrich-Gustav, Neu-Iserlohn und... sind vielen älteren Langendreerern sicher noch bekannt. Die Zechen zogen dann natürlich noch weitere Industrie-, Handwerks- und Handelsbetriebe an. 1860 bekam Langendreer seinen ersten, schon 1874 einen weiteren Bahnhof. Und wo gearbeitet werden soll, braucht man auch Menschen. Und sie kamen in Scharen von überall her. Häuser, ja ein ganz neuer Stadtteil, der heutige Alte Bahnhof, entstand. Das ehemals beschauliche Dorf war bis 1870 auf ca. 4800 Einwohner angewachsen, 1880 waren es schon 8400 und dieser Anstieg ging rasant weiter. 1905 lebten und arbeiteten schon 23.000 hier, darunter natürlich viele Kinder. Und diese Kinder sollten zur Schule gehen. Die Friedrichschule sollte also die Kirchschule entlasten. Doch auch das war ganz schnell nicht mehr genug, Schlag auf Schlag entstanden weitere Schulen wie die Kaiserschule, die Wilhelmschule, die Hasselbrinkschule, um nur einige zu nennen. Bis zum Ende des Jahrhunderts waren es dann acht Volksschulen, die gebaut und erhalten, deren Lehrer und Lehrerinnen besoldet werden mussten. Bildung war und ist teuer, aber eine notwendige Investition in die Zukunft. Kommt uns doch bekannt vor, oder? In einem Verzeichnis der Langendreerer Volksschulen von 1893 können wir nachlesen, was unsere Schulgebäude gekostet haben. Hier aber nur die Zahlen für die Friedrichschule Das Schulgebäude kostete 23.250,00 Mark und das Abortgebäude noch mal 1.980,00. Beide wurden 1879 gebaut. 1891 kam noch das Lehrerwohnhaus mit 14.000,00 Mark dazu. Aus der gleichen Zeit ist auch noch eine Aufstellung der Lehrerstellen an den verschiedenen Schulen vorhanden. Die LehrerInnen bekamen neben Gehalt und Dienstalterzulage Zuschüsse für Miete und Wohnraum, z. B. erhielt ein Lehrer pro Jahr insgesamt 2500 Mark. Gleiches Geld für gleiche Arbeit gab es aber auch damals nicht. In allen Besoldungsordnungen war festgelegt, dass weibliche Lehrpersonen weniger Gehalt, weniger Zulagen und weniger Mietzuschüsse bekamen als ihre männlichen Kollegen. Außerdem endete ihr Anstellungsvertrag automatisch mit dem Tag der Heirat. Die Herren bekamen in diesem Fall in der Regel höhere Zulagen. Verheiratete Frauen im Schuldienst gab es also nicht. Entweder Beruf oder Ehe, aber kein und. Bleiben wir aber noch ein wenig bei unserer Friedrichschule in den ersten Jahren nach ihrer Entstehung. 1885 hatte Langendreer 1893 Schülerinnen und Schüler in sechs Volksschulen, 264 davon besuchten die Friedrichschule. Die erste Klasse von Lehrer Brune hatte 75 Kinder (71 ev., 4 kath.), Lehrer Leithe unterrichtete in seiner 2. Klasse 103 (101 ev., 2 kath.) und Lehrer Trappmann in seiner 3. Klasse 86 (77 ev., 9 kath.) Um die "rauchenden" Kinderköpfe erfrischen zu können, war ein Trinkwasserbrunnen gebaut worden, der aber schon nach einem Jahr versiegte. Der neu abgetäufte Schacht "Siebenplaneten" hatte das Grundwasser abgelenkt. Ein langer erbitterter Rechtsstreit zwischen den Vertretern der Zechen auf der einen und denen von Schule und Gemeinde auf der anderen Seite wurde ausgefochten. Viele interessante Dokumente dazu sind noch im Stadtarchiv erhalten geblieben. Als man sich schließlich geeinigt hatte und der Brunnen am 5. März 1883 wieder Wasser führte, stellte sich heraus, dass es in Folge des Bergbaus ungenießbar war. Eine eigene Wasserleitung für die Schulen löste schließlich dies Problem. Die Kinder konnten nun das Lesen und Schreiben, aber auch die geforderte Ordnung und Disziplin lernen. Hierzu mehr an anderer Stelle. Nach dem Unterricht mussten die meisten Kinder noch zu Hause oder auf dem Feld helfen. Viel Freizeit blieb also nicht. So wie Langendreer als Industrie- und Bauerndorf wuchs, wuchs auch die Bevölkerungszahl und damit natürlich auch die Zahl der Schüler und Schülerinnen. Daher brauchten die Schulen auch mehr Lehrer und Lehrerinnen. An das königlich preußisch - kaiserliche Schulamt meldete die Gemeinde Langendreer am 16. Juli 1891 für die Friedrichschule 429 SchülerInnen in fünf Klassen. Veränderungen wie die Neuordnung der politischen Gemeinde Langendreer vom 30.01.1901 wirken sich natürlich auch auf Schule und deren Organisation aus. Was konnte und durfte sich eine Gemeinde an Kosten für Bildung leisten? Wo sollten neue Grenzen für die Schulbezirke geschaffen werden? Diese und viele Fragen mehr beschäftigten die Bevölkerung und ihre Obrigkeit damals genauso wie heute. Nicht immer war man mit den Entscheidungen des Rates einer Meinung, waren Auseinandersetzungen nicht immer vermeidbar. Manches davon ist für uns heute sicher nur schwer nachvollziehbar. So erging 1912 der Beschluss, dass sämtliche an Langendreerer Schulen arbeitende Lehrkräfte auch in Langendreer wohnen mussten. Eine in Witten wohnende Lehrerin hat vergeblich versucht, sich dagegen zu wehren. Die großen politischen Ereignisse blieben natürlich auch nicht ohne Folgen. Während des ersten Weltkrieges fehlten Lehrkräfte, pensionierte mussten wieder Dienst tun. Die sich anschließende Inflation und Wirtschaftskrise griff massiv ins Leben der Menschen ein.1920 gewährte die Gemeinde Langendreer den Lehrern einmalige Beihilfen aufgrund der steigenden Inflation. Die Forderung, Lehrerbezüge an das Gehalt eines Amtsobersekretärs anzupassen, scheiterten aber. Unter Wirtschaftskrise, Inflation, Massenarbeitslosigkeit hatten schließlich alle zu leiden. Die Folgen des Krieges, Ruhrbesetzung und Aufbau eines neuen Staatsgefüges, waren nicht leicht zu verkraften. Aber auch die Organisation und Struktur einzelner Gemeinden stand vor einem radikalen Umbruch. Sollten Dörfer und Gemeinden zusammengefasst, eine neue Stadt gegründet werden? Lange, harte und nicht unumstrittene Auseinandersetzungen endeten schließlich 1929 mit der Eingemeindung Langendreer - Wernes nach Bochum. Fortsetzung folgt in der Dopo 114. GK
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